Montag, 25. Oktober 2010

Burnout Garantiert – die häufigsten 13 Fehler

veröffentlicht in der Computerwoche, 4.10.2010 von Ruth Hellmich* und Bodi*

Mitarbeiter der IT-Branche leiden bis zu viermal häufiger als der deutsche Durchschnitts-Beschäftigte an psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- und Magenschmerzen sowie Schlafstörungen, so das Institut für Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen mit einer Studie aus dem Jahr 2004. Und die Belastung in der IT-Branche nimmt weiter zu, stellte das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen in ihrer im Frühjahr 2010 veröffentlichten Studie fest. 57 Prozent der Berufsanfänger in der IT-Branche sowie junge Projekt-Manager sind burnout-gefährdet. So könnte sich die Frage stellen: Haben Mitarbeiter der IT-Branche überhaupt die Chance, langfristig gesund zu bleiben?

Viele Menschen steuern – mehr oder weniger bewusst – über Jahre hinweg zielsicher in ihren Burnout. Werden konsequent die folgenden der häufigsten 13 Fehler befolgt, ist früher oder später ein Burnout garantiert:

1. Bei Ihrem Job werden „flexible" Arbeitszeiten und Überstunden als selbstverständlich erwartet, auch Reisetätigkeiten, wechselnde Arbeitsplätze, internationale Zusammenarbeit mit versetzten Zeitzonen und Erreichbarkeit 24 Stunden an sieben Tagen per Blackberry, Handy & Co.

2. Ihre Tätigkeit begeistert Sie, Überstunden stören Sie nicht. Sie stehen für Flexibilität, Schnelligkeit und höchste Qualitätsansprüche. Das Team, der Chef, der Auftraggeber und alle anderen können sich stets auf Sie verlassen. Sie sind ehrgeizig, der nächste Schritt zum Projekt-Manager, Team- oder Abteilungsleiter winkt und fordert vollen Einsatz auf gleichbleibend hohem Niveau. Brennen Sie für Ihre Aufgaben, das Projekt, Ihr Team, Ihr Unternehmen - bis Sie ausgebrannt sind.

3. Signale wie anhaltende Müdigkeit, Unkonzentriertheit, Leistungsabfall, Schlafstörungen, die Unfähigkeit abzuschalten und aufzutanken ignorieren Sie. Bedienen Sie sich bei auftretenden Zimperlein großzügig an Produkten der Pharmaindustrie.

4. Kümmern Sie sich auf keinen Fall um Ihre Gefühle. Wut, Ärger, Ängste, das Gefühl von Überforderung oder ständiger Gehetztheit ignorieren Sie, ebenso wie das Schwinden Ihrer Lebensfreude, zunehmende Teilnahmslosigkeit, Sinn- und Lustlosigkeit und Depressionen. Bei zunehmendem Leeregefühl lösen Sie sich von der Idee, dass Arbeit Sie innerlich erfüllen könnte. Solche Ideen sind etwas für Träumer. Was zählt ist Pflichterfüllung um jeden Preis. Professionalität heißt eben auch, Härte gegen sich selbst und Funktionieren in allen Lebenslagen.

5. Ineffektiv verbrachte Arbeitszeit kompensieren Sie mit Mehrarbeit. Das vertreibt auch die Langeweile am Wochenende und im Urlaub. Sind Sie Freiberufler, verzichten Sie ganz auf Urlaub. Sie müssen die Aufträge abarbeiten oder das Geld reicht nicht. Machen Sie möglichst mehrere Dinge gleichzeitig, um Zeit zu sparen. Sagen Sie „ja" bei jeder neuen Aufgabe.

6. Machen Sie sich unentbehrlich. Auch wenn es unmöglich ist und Sie der Verzweiflung nah sind, versuchen Sie, möglichst alle Erwartungen von Teamkollegen, Auftraggebern, internen und externen Projektmitarbeitern, Vorgesetzten und ihrer Familie und Freunden zu erfüllen. Am besten übertreffen Sie noch deren Erwartungen.

7. Verwerfen Sie sämtliche Warnungen, Vorhaltungen, Vorwürfe, Bitten und Sorgen von Ihrer/m Partner/in, Angehörigen oder Kollegen. Ihre Ausreden sollten wasserdicht sein, wie „nach diesem Projekt wird alles besser" oder „nur noch dieser Fall". Oder: „Die Umstände/der Vorgesetzte/der Auftraggeber zwingen mich dazu, ich habe keine Wahl".

Schuld an Ihrem Dilemma sind natürlich die Situation und andere. Sie sind Opfer von Zeitgeist, Wirtschaftskrise, Doppelbelastung, Termindruck und Unternehmenspolitik. Kollegen sind krank, Mitarbeiter wurden vom Projekt abgezogen, der Zeitrahmen oder das Budget gekürzt und zusätzliche Kundenwünsche müssen selbstverständlich auch erfüllt werden. Sie sagen jedoch nichts, das wäre zu riskant. Ein Jobwechsel auch, denn Sie müssen für Miete, Kreditraten und die Versorgung der Familie aufkommen. Sie haben keine andere Wahl. Vergessen Sie nicht: Sie sind veränderungsresistent.

8. Hämmern Sie sich und anderen ein, es geht nicht anders, in Ihrem Job jedenfalls nicht. Wer etwas anderes behauptet, hat keine Ahnung. Auch ein Arzt, Therapeut oder Coach könnte daran nichts ändern. Wenden Sie sich dennoch auf Drängen anderer an eine professionelle Beratung, werden Sie es sicher verstehen, die Sinnlosigkeit dieser Maßnahme unter Beweis zu stellen.

9.Gehen Sie auf Distanz zu Menschen, zu denen erstaunlicherweise noch Kontakt besteht. Als Eigenbrödler können Sie leichter die Fassade wahren. Sagen Sie niemanden, wie es Ihnen geht. Gemeinsame Mittags- und Kaffeepausen mit Kollegen sind zeitlich unmöglich, die Zeit mit der Familie wird immer knapper. Diese Zurückgezogenheit macht Sie gleichgültiger und dumpfer. Sie haben keine Kraft und Sensibilität mehr für die zwischenmenschlichen Töne, die Gemeinsamkeiten und kleinen Rücksichtnahmen.

10. Streichen Sie sämtliche Hobbys einschließlich sportlicher Betätigungen. So vermeiden Sie, daran erinnert zu werden, dass es noch etwas anderes als Arbeit gibt. Die sonnigen Seiten des Lebens sind ohnehin für andere bestimmt, damit haben Sie sich schon abgefunden. Falls Sie doch noch ein Privatleben haben, gestalten Sie die Terminplanung zwischen Job und Privatleben noch engmaschiger, nutzen Sie jede freie Minute.

11. Gesundes Essen wird als Zeitkiller abgeschafft zugunsten von Fast Food und belegten Semmeln. Das verspricht auch noch ein paar Pfunde mehr. Damit Sie überhaupt entspannen und von Ängsten und anderen unangenehmen Gefühlen abschalten können, gönnen Sie sich regelmäßig abends etwas Alkoholisches.

12. Seien Sie nie zufrieden mit Ihren Ergebnissen, auch wenn andere begeistert sind. Sie sind Ihr strengster Kritiker. Weniger als perfekt kommt für Sie nicht in Frage. Zuverlässigkeit, höchste Qualität und Schnelligkeit sind wichtiger als ein freier Abend. Stecken Sie sich zusätzliche Ziele. Erlernen Sie eine Fremdsprache, machen Sie eine berufsbegleitende Ausbildung und laufen Sie Marathon.

13. Lösen Sie keine Konflikte und Probleme grundlegend. Schieben Sie alles vor sich her, damit der Berg von Unerledigtem immer höher wird.

Falls Sie sich in diesen nicht ernst gemeinten Tipps zu stark wiedererkennen, steigen Sie aus, so lange es nicht zu spät ist. Je früher desto besser. Verabschieden Sie sich von einem Teufelskreis zum garantierten Burnout. Gehen Sie zum Arzt, ändern Sie Ihre Lebensweise, solange es noch früh genug ist und genießen Sie Ihr Leben!

*Bodi ist freier Journalist (www.pressevoice.blogspot.com)
*Ruth Hellmich ist Rechtsanwältin, Geschäftsführerin von CoachingTraining und seit 2000 überwiegend in Unternehmen als Trainerin, Coach und Mediatorin tätig (www.coaching-training.eu).